Akute Hilfe

Depression bei Frauen

Depressionen können jeden Menschen treffen. Bei Frauen werden Depressionen jedoch deutlich häufiger diagnostiziert als bei Männern – aktuelle Versorgungsdaten zeigen eine etwa 1,5- bis 1,8-fach höhere Diagnosehäufigkeit. Auch in Schleswig-Holstein findet sich dieser Unterschied über nahezu alle Altersgruppen hinweg. Dafür gibt es nicht die eine Ursache: Hormonelle Veränderungen, körperliche Prozesse, gesellschaftliche Erwartungen, unterschiedliche Belastungen und der Zugang zu Hilfe können zusammenwirken.

Hier erfahren Sie, wie sich Depressionen bei Frauen zeigen können, wann eine fachliche Abklärung sinnvoll ist und wo Betroffene und Familien in Schleswig-Holstein Unterstützung finden.

Hormone: ein Einflussfaktor, nicht die ganze Erklärung

Hormone beeinflussen zahlreiche Vorgänge im Körper und stehen in Wechselwirkung mit Schlaf, Stressregulation, Stimmung und körperlichem Wohlbefinden. Manche Menschen reagieren besonders empfindlich auf hormonelle Veränderungen. Aus normalen Schwankungen folgt jedoch nicht automatisch eine Depression, und eine Depression ist nicht einfach ein „Hormonproblem“.

Ob Beschwerden mit hormonellen Veränderungen zusammenhängen, lässt sich nicht durch eine einzelne Beobachtung oder einen einzelnen Laborwert klären. Entscheidend sind der zeitliche Verlauf, die Stärke und Dauer der Beschwerden, frühere Erkrankungen, körperliche Faktoren und die aktuelle Lebenssituation.

Menstruationszyklus und prämenstruelle Beschwerden

Leichte Veränderungen der Stimmung vor der Menstruation sind häufig. Wenn depressive Stimmung, starke Reizbarkeit, Anspannung oder Hoffnungslosigkeit wiederholt in der Zeit vor der Menstruation auftreten, den Alltag deutlich beeinträchtigen und anschließend wieder abklingen, kann eine prämenstruelle dysphorische Störung – kurz PMDS – vorliegen.

Die PMDS ist nicht einfach eine gewöhnliche Depression und sollte fachlich abgeklärt werden. Ein Symptomtagebuch über mindestens zwei bis drei Monate kann helfen, das wiederkehrende Muster sichtbar zu machen und andere Ursachen zu unterscheiden.

Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit

Während der Schwangerschaft und nach der Geburt verändert sich der Hormonhaushalt erheblich. Gleichzeitig kommen häufig Schlafmangel, körperliche Erholung, eine neue Verantwortung, Veränderungen in Partnerschaft und Alltag oder belastende Erfahrungen während Schwangerschaft und Geburt hinzu. Diese Faktoren können sich gegenseitig verstärken.

Eine Depression kann bereits während der Schwangerschaft beginnen oder sich nach der Geburt entwickeln. Sie ist kein Zeichen mangelnder Liebe zum Kind und kein persönliches Versagen.

Übergang in die Wechseljahre

Auch während der Perimenopause, also im Übergang in die Wechseljahre, können manche Frauen eine erhöhte Anfälligkeit für depressive Beschwerden erleben. Schlafstörungen, Hitzewallungen, körperliche Veränderungen und psychosoziale Belastungen können zusätzlich auf die Stimmung wirken.

Anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust oder Hoffnungslosigkeit sollten nicht pauschal als unvermeidliche Folge der Wechseljahre eingeordnet werden. Eine gynäkologische und psychotherapeutische oder ärztliche Abklärung kann helfen, körperliche und psychische Einflussfaktoren gemeinsam zu betrachten.

Peripartale Depression: mehr als ein Stimmungstief

Der Begriff peripartale Depression bezeichnet depressive Erkrankungen, die während der Schwangerschaft oder in der Zeit nach der Geburt auftreten. Beginnt die Erkrankung nach der Geburt, wird auch von einer postpartalen Depression gesprochen.

Nach den Patienteninformationen zur Nationalen VersorgungsLeitlinie erleben etwa 12 von 100 Frauen während der Schwangerschaft eine Depression. Nach der Geburt sind es bis zu 15 von 100 Frauen. Damit gehört die peripartale Depression zu den häufigsten psychischen Erkrankungen rund um die Geburt.

Mögliche Anzeichen

Neben den allgemeinen Anzeichen einer Depression können rund um Schwangerschaft und Geburt besonders auffallen:

  • anhaltende Traurigkeit, innere Leere oder starke Reizbarkeit
  • ausgeprägte Ängste und ständiges Grübeln um das Kind
  • das Gefühl, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein
  • starke Schuldgefühle oder die Überzeugung, eine schlechte Mutter zu sein
  • fehlende Freude oder Schwierigkeiten, Nähe zum Kind zu erleben
  • Rückzug von nahestehenden Menschen
  • Schlafstörungen, die nicht nur durch die Versorgung des Kindes entstehen
  • erhebliche Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit oder das Gefühl, nicht mehr weiterzukönnen
  • belastende Gedanken, sich selbst oder dem Kind etwas anzutun

Nicht jede Erschöpfung und nicht jede Unsicherheit nach einer Geburt ist eine Depression. Wenn Beschwerden jedoch anhalten, stärker werden oder den Alltag und die Versorgung des Kindes deutlich beeinträchtigen, ist eine fachliche Einschätzung wichtig.

Belastende, aufdringliche Gedanken sollten offen und zeitnah mit einer Fachperson besprochen werden. Bei konkreten Absichten oder unmittelbarer Gefahr ist sofortige Hilfe erforderlich.

Babyblues, Depression oder Psychose?

Babyblues

Ein vorübergehendes Stimmungstief in den ersten Tagen nach der Geburt ist häufig. Typisch sind Weinen, Empfindlichkeit, Erschöpfung und wechselnde Gefühle.

Die Beschwerden klingen meist innerhalb von zwei Wochen wieder ab. Zuwendung, Entlastung und Beobachtung sind wichtig. Halten die Beschwerden an oder verstärken sie sich, sollte fachliche Hilfe gesucht werden.

Peripartale Depression

Eine peripartale Depression kann schon in der Schwangerschaft oder nach der Geburt beginnen. Die Beschwerden halten länger an, belasten deutlich und können Selbstfürsorge, Alltag und Beziehung zum Kind beeinträchtigen.

Sie ist gut behandelbar. Eine frühzeitige ärztliche oder psychotherapeutische Einschätzung erleichtert den Zugang zu passender Unterstützung.

Postpartale Psychose

Eine postpartale Psychose ist selten und keine Form der Depression, sondern ein eigenständiger psychiatrischer Notfall. Mögliche Anzeichen sind starke Verwirrtheit, Realitätsverlust, Halluzinationen, Wahnvorstellungen, extreme Unruhe oder auffällig fehlender Schlaf.

Bei solchen Anzeichen ist sofortige Hilfe erforderlich: Die betroffene Person und das Kind nicht allein lassen und den Notruf 112 oder eine psychiatrische Notaufnahme verständigen.

Auch Männer können rund um die Geburt erkranken

Auch Väter und andere nicht gebärende Elternteile können während der Schwangerschaft der Partnerin oder nach der Geburt eine Depression entwickeln. Schlafmangel, neue Verantwortung, Partnerschaftskonflikte, finanzielle Sorgen, eine schwierige Geburt oder die Erkrankung der Partnerin können belasten. Anhaltender Rückzug, Gereiztheit, Niedergeschlagenheit oder erhöhter Alkohol- und Substanzkonsum sollten daher ebenfalls ernst genommen und fachlich abgeklärt werden.

Behandlung und Unterstützung

Eine peripartale Depression ist behandelbar. Welche Unterstützung passend ist, hängt von der Stärke der Beschwerden, möglichen Risiken, der bisherigen Krankheitsgeschichte und der persönlichen Situation ab.

Zu den möglichen Bausteinen gehören:

  • Psychotherapie
  • ärztliche oder psychiatrische Behandlung
  • psychosoziale Beratung und praktische Entlastung
  • Unterstützung durch Hebammen und die Frühen Hilfen
  • Einbeziehung von Partnern, Angehörigen und anderen Vertrauenspersonen
  • bei Bedarf eine medikamentöse Behandlung nach sorgfältiger individueller Nutzen-Risiko-Abwägung
  • bei schweren Erkrankungen spezialisierte ambulante, tagesklinische oder stationäre Angebote

Wer bereits Medikamente gegen eine psychische Erkrankung einnimmt, sollte diese bei Kinderwunsch, Schwangerschaft oder Stillzeit nicht eigenständig absetzen oder verändern. Nutzen und mögliche Risiken sollten gemeinsam mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt abgewogen werden.

Niedrigschwellige Hilfe

Der erste Kontakt muss keine spezialisierte Einrichtung sein. Hebammen, gynäkologische oder hausärztliche Praxen sowie psychotherapeutische und psychiatrische Fachpersonen können Beschwerden ansprechen, erste Risiken einschätzen und weitere Hilfe vermitteln.

Die bundesweite Selbsthilfeorganisation Schatten & Licht informiert über peripartale psychische Erkrankungen und führt Listen mit Selbsthilfegruppen, ehrenamtlichen Beraterinnen, Fachpersonen sowie Mutter- und Vater-Kind-Einrichtungen. Dort können auch Angebote in Schleswig-Holstein gesucht werden.

Frühe Hilfen vor Ort

Die Frühen Hilfen Schleswig-Holstein begleiten Familien auf eigenen Wunsch von der Schwangerschaft bis zum dritten Lebensjahr des Kindes. Die Angebote sind freiwillig und kostenfrei. Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner in allen Kreisen und kreisfreien Städten vermitteln unter anderem Familienhebammen, Beratung, praktische Unterstützung und weitere passende Hilfen.

→ Alle Anlaufstellen der Frühen Hilfen in den Kreisen und kreisfreien Städten

Spezialisierte peripartale Unterstützung

Ein spezialisiertes Angebot in Schleswig-Holstein ist die Eltern-Kind-Spezialambulanz der Westküstenkliniken in Heide. Sie behandelt Frauen mit psychischen Erkrankungen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt. Zum Angebot gehören Diagnostik, Psychoedukation, psychotherapeutische und medikamentöse Behandlung sowie sozialpädagogische Unterstützung. Partner und weitere Familienmitglieder können einbezogen werden.

Quellen:

Fachlich geprüft von:

Dipl.-Psych. Jörg-Tobias Hof

Psychologischer Psychotherapeut